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Der TL1000-Spezialist

 



Dauertest Suzuki TL1000S

Läuft .... läuft nicht.... läuft...

Kaum ein Motorrad durchlief mehr Höhen und Tiefen während 50 000 Dauertest-Kilometern als die Suzuki TL 1000 S. Doch über eines waren sich die meisten Testfahrer einig: wenn sie läuft, macht sie jede Menge Spaß.

Der 17. März 1997 war einer dieser Tage, die man am liebsten aus dem Kalender streichen möchte. Kalt, regnerisch, zwar nicht mehr Winter, aber erst recht noch nicht Sommer. Ein Tag, um im Bett zu bleiben. Doch wie das so ist: Wenn die Arbeit ruft, steht der fleißige Schwabe auf der Matte und tut seine Pflicht. Und die lautete just an diesem Tag: Geh los und kaufe eine Suzuki TL 1000S. Kein guter Tag auch in den Augen der Suzuki-verantwortlichen beim deutschen Importeur und beim Japanischen Hersteller. Denn seit diesem 17. März sorgte die rote Langstreckentest TL1000 fast regelmäßig für Schlagzeilen, auf die mann lieber verzichtet hätte. Dabei hatte alles so gut angefangen. Der erste große Paukenschlag auf der IFMA im Herbat 1996. Alle Welt machte große Augen, die größten aber machte Hauptkongurent Honda. Der Erfolg ihrer mit Vorschußlorberen bedachten VTR1000F schien urplötzlich und völlig unerwartet in Gefahr. Dann die erste Präsentation im Sonnigen Florida. Eine topfebene Rennstrecke im Speedway - Oval von Homestead und eine landschaftlich höchst attraktive Ausfahrt unter strengem Speedlimit nach Key West ließen die TL nicht nur auf den Fotos in bestem Licht erscheinen. Auch die ersten Testmaschinen gaben sich kaum eine Blöße, überzeugten mit einem wuchtigen Antritt, bester Laufkultur, und nicht zuletzt des eigenständigen Designs wegen fand die TL1000 eine Menge Fans. Fahrwerksprobleme wie das schlechte Ansprechverhalten des Drehflügeldämpfers hinten, ein zu hoher Spritverbrauch als auch die nicht sehr glücklich gewählte Erstbereifung fielen noch unter das Kapitel Kinderkrankheiten. Daß solche Kinderkrankheiten zu chronischen Leiden ausarten können, wurde an der von Motorrad anonym gekauften TL1000S schnell deutlich. Bereits der erste Eintrag im Fahrtenbuch vom 18. März bemängelt massive Motoraussetzer bei Drehzahlen unter 3000/min. Die Neigung zum Lenkerschlagen wird ebenfalls auf der ersten Seite des damals noch Jungfräulichen Dockuments verewigt. Suzuki reagiert. Schon einen Monat später erfolgt die erste spektakuläre Nachrüstaktion, bei der weltweit alle bereits ausgelieferten TL einen Lenkungsdämpfer verordnet bekommen. Kein leichter Schritt für das japanische Unternehmen, dem aber auch im nachhinein noch Lob gebührt für diese zwar sehr späte, aber richtige Entscheidung. Am ständigen Schluckauf und Patschen ändert sich nicht nur bei der redaktionseigenen TL nichts. Suzuki reagiert. Ein Rundschreiben unterrichtet die Händler, wie das Problem durch korrektes Syncronisieren der Drosselklappen behoben - oder zumindest gelindert - werden kann. Auch die Motorrad TL wurde dieser Behandlung unterzogen. Der Erfolg ist aber nur von kuzer Dauer, keine 300 Km stirbt der Twinn schon wieder einfach ab. Damit aber nicht genug. Ganz nach dem Motto: Schlimmer geht immer, macht die Langstrecken TL auch noch durch eine zunächst unerklärliche Produktion von Motoröl auf sich aufmerksam. Im zug der ersten Inspektion bei 1000 Km laufen beim Ölwechsel sage und schreibe 1 1/4 Liter mehr ,als ursprünglicheingefüllt worden waren, aus dem Motor. Der Geruch des abgelassenen Schmierstoffs verrät des Rätsels Lösung: Ölverdünnung durch Benzin. Gegen das ständige Patschen werden - wie später auch offiziell empfohlen - Zündkerzen der Kennung NGK CR 8 EK mit Doppelelektrode statt der serienmäßigen CR 9 E - Kerzen eingebaut. Den Zweizylinder läßt das relativ kalt, er patscht weiter und geht im Standgas ständig aus. Suzuki reagiert. Schikt hauseigene Mechaniker, die unter den Augen von Motorrad ihr Glück an der Widerspenstigen versuchen. Syncronisieren, Ventilspiel einstellen, wieder syncronisieren, wieder Zündkerzen wechseln, um schließlich alles für einwandfrei zu befinden. Doch die TL scheint leider resistent gegen jegliche Heilmittel zu sein, wie sich bereits nach wenigen Testfahrten herausstellt. Suzuki reagiert. Im Herbst 1997 folgt die zweite Rückrufaktion. Das Steuergerät für Zündung und Einspritzung sowie der Thermostat werden - kostenlos getauscht. Auch dieses mal ein Lob für Suzuki: Als Entschädigung für die Umstände wird jedem TL - Besitzer eine kostenlose Inspektion spendiert. Der großteil der Kunden ist mit dieser Lösung zufrieden. Die Maßnahme zeigt endlich Wirkung, der Spritverbrauch geht um bis zu zwei Liter auf 100 Km zurück, und die besorgniserregende Ölverdünnung pendelt sich langsam auf ein gerade noch erträgliches Maß ein. Das bis dahin stark verdünnte Öl ließ Motorrad in einem Labor analysieren - und erhält alarmierende Werte. Um eventuell bereits aufgetretene Schäden festzustellen, wird der Motor bei Tachostand 10 980 sicherheitshalber zerlegt und nach Begutachtung durch Zuzuki - techniker ohne den Tausch der bereits von deutlichen Laufspuren gezeichneten unteren Pleullager wieder zusammengebaut.

Natürlich liest sich das Fahrtenbuch nicht durchweg wie ein Horrorroman, es sind auch jede Menge Begeisterungsbekundungen zu finden.Meist ausgelöst durch den bärigen Schub des Zweizylinders. Grafikerin Katrin Sdun - Heinlein zum beispiel hegte gar die Befürchtung, süchtig zu werden. Auch für das Fahrwerk gibt es immer wieder Lob. Die Sitzposition wird vor allem von großgewachsenen Fahrern selbst auf Dauer als Komfortabel empfunden. Kleinere Fahrer beklagendagegen eine zu starke Kröpfung der Lenkerstummel. Die in verschiedenen Testberichten kritisierten Schwächendes Drehflügeldämpfers werden nur von den wenigsten TL - Alltagsfahrern negativ vermerkt. Man ist sich einig: Die TL 1000 macht mächtig Spaß und betört durch ihren eigenständigen Charakter. Doch kaum scheint die TL ihre Eigenarten abgelegt zu haben, schreibt sie schon wieder negativ - Geschichte. Die Kupplung rutscht. Zunächst nur manchmal, meistens nach längerer Fahrt mit konstanter Drehzahl um die 6 000/min. Dann immer häufiger. Suzuki reagiert. Tauscht die Kupplung an der Testmaschine insgesamt dreimal auf Garantie und bietet bald für alle betroffenen TL Besitzer kostenlos eine modifizierte Kupplung an.

An das Patschen hat man sich nach 30 000 Km gewöhnt und erfreut sich lieber an den positiven Dingen wie den neu aufgezogenen Bridgestone - Reifen. Prima Handling, leichtes Einlenken, zielgenaue Kurvenahrt und gut Haftung machen die BT 56 vor allem in der schmalen 180er Ausführung neben der Pirelli MTR 01/02 Dragon - Paarung zum Motorrad - Tip bei der REifenempfehlung in Heft 7/1998. Freude gibt´s auch darüber das der unliebsame Kelch der Defekte einmal an der Motorrad TL vorübergeht. Rückrufaktion Nummer drei gilt den Tanks, die vibrationsbedingt zu Rißbildung neigen und kostenlos getauscht werden. Der Spritbehälter der Langstrekentestmaschine hält auch nach 50 000 Km noch dicht. Dafür fallen beide Endschalldämpfer mit Vibrationsrissen aus und werden bei Kilometerstand 38 000 auf Garantie gewechselt.

Große Spannung herscht dan noch einmal am Ende der Testdistanz.Wie haben sich die innereien der stets leicht verschnupften TL 1000 S gehlten? Wie stark hat die Ölverdünnung an den Lagerstellen genagt? Wie haben Ventilsteuerung und Kurbeltrieb auf das ständige harte Patschen verkraftet?

Auf dem Seziertisch der Motorrad - Werkstatt demonstriert die TL wahre größe. Nahezu spurlos gingen all die lästigen Wehwechen an ihr vorüber. Fast alle geprüften Bauteile befinden sich innerhalb der Einbau - beziehungsweise Betriebstoleranz. Eine Ausnahme: die vier Einlaßventile, deren Sitze zu breit eingeschlagen sind. Außerdem kündigen Brandspuren auf den Auslaßventilsitzen eine nahende Fehlfunktion an. Ein nahes Ende droht auch den beiden unteren Pleullagern, die zum Teil starke Kavitationsschäden aufweisen. Der einzige Mangel, der sich direkt mit der Ölverdünnung in Verbindung bringen läßt. Und wenn schon eine Operation am offenen Herzen stattfindet, sollten mit den Pleullagern gleich die ebenfalls an die Verschleißgrenze angekommenen Hauptlager der Kurbelwelle getauscht werden. Ansonsten Präsentiert sich sowohl der Motor als auch Farwerk in einem erfreulich gutm Zustand. Ermüdungserscheinungen sind dem sportlichen Zweizylinder kaum anzusehen. Beim Zusammenbau muß der TL allerdings noch ein neues Federbein spendiert werden. Die Kolbenstange ist sichelkrumm und für die merkwürdigen Quietschgeräusche auf den letzten 3000 Km verantwortlich. Und zu guterletzt wird gleich ein neuer Tank auf Garantie ausgefaßt. Nicht weil der alte ein Problem hätte, aber sicher ist sicher. Denn in ihrem nächsten Leben soll die Motorrad TL 1000 S nicht mehr von ständigen Zipperlein geplagt werden. Damit sie auch von ihrem seltsamen Schlukauf geheilt wird, will Suzuki Deutschland diese TL nochmal unter die Lupe nehmen, um endlich den Fehler zu finden. Schließlich ist man in Ingenieurskreisen nicht gewillt, sich mit dem Gedanken anzufreunden, daß es auch in Japan solche Tage gibt an denen man beser nicht aufsteht - und schon gar keine TL 1000 S vom Band nimmt.

Die Leidtragenden: Volle dreimal wurde das Kupplungspaket auf Garantie getauscht, bis härtere Federn Abhilfe schafften.